>>Welser Geschichten # 4<<

Von Ella Regenfelder:

„‚Meine Eltern sind das allerwichtigste in meinem Leben. Es war wirklich schwer – wenn nicht sogar das Schwerste, was ich in meinem Leben bisher tun musste – , sie in Syrien zurückzulassen, aber sie ermutigten mich zu fliehen. Ich bin ständig auf der Suche nach einem sicheren Weg für sie aus dem Krieg in Syrien heraus. Mein Smartphone ist die einzige Verbindung zu ihnen, die ich noch habe. Es ist der einzige Weg, um mit meinen Eltern in Kontakt zu bleiben und zu wissen, ob sie noch leben.

In Damaskus studierte ich Biologie und so ist mein größter Traum – neben meinen Eltern aus Syrien fliehen zu helfen – mein Studium in Deutschland, wo meine Freunde leben, zu vollenden. Sobald Syrien einigermaßen stabil und der Krieg vorbei ist, möchte ich zurück und helfen, unser Land wieder aufzubauen.
Es kostete mich zehn Tage und knapp 1900$ um hierher zu kommen, aber wie ich bereits erwähnt habe, ich werde nicht hier in Österreich bleiben, ich muss zu meinen Freunden. Sie sind die Einzigen, die ich hier noch habe und kenne.‘

Nach meinem Gespräch mit diesem 21-jährigen Studenten, bat ich ihn um Austausch der Facebook-Daten. Zwei Tage nachdem ich ihn kennenlernen durfte, schrieb er mir, er sei nun in Deutschland und auf dem Weg zu seinen Freunden.“

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>>Welser Geschichten # 3<<

Von Ella Regenfelder:

„‚Als Aktivist in Syrien gab es für mich kein menschenwürdiges Leben mehr. Sie sperrten mich ein, brachen mir fast alle meine Knochen, unter anderem drei Rippen. Einige Zähne schlugen sie mir aus und jeder einzelne Fingernagel wurde von ihnen herausgerissen.

Als ich endlich aus der Gefangenschaft gerettet und befreit wurde, war meine Frau nirgends auffindbar, so wurde mein Beschluss, das Land zu verlassen, besiegelt. Wenn man in Syrien bleiben will, muss man entweder ein Kämpfer sein, oder du bist ein toter Mensch. Es gibt keine Schulen, keine Krankenhäuser, allgemein keine Häuser mehr. Wir hatten und haben nichts zu essen und nichts zu trinken. Wenn wir beschlossen, ein wenig Wasser zu trinken, starben wir daran, da das Wasser so verschmutzt und vergiftet ist und es keine Medikamente gegen die Krankheiten mehr gibt.

Vor vier Jahren flüchtete ich aufgrund meiner Todesangst. Das Boot, in dem ich von der Türkei nach Griechenland saß, ging mitten im Meer unter. Wir mussten drei Stunden lang im eiskalten Wasser auf gut Glück Richtung Festland schwimmen. Rund um mich ertranken die Menschen, zwei Männer und drei Kinder konnte ich nicht mehr retten. Ein Kind legte ich auf meinen Rücken, wo es sich festhielt, ein anderes klemmte ich mit einer Hand an mich, um es vor dem Tod zu retten. Als wir nach drei Stunden endlich von der Wasserrettung entdeckt und aus dem kalten Wasser gezogen wurden, sagte mir der untersuchende Doktor, wenn ich noch eine halbe Stunde länger geschwommen wäre, wäre ich an Organversagen wegen der Kälte gestorben.‘

Diesen Ausschnitt erzählte mir einer der Flüchtlinge, die Anfang Oktober in der Welser Messehalle übernachtet haben. 17 Jahre lang unterrichtete dieser Syrer Englisch an einer höheren Schule, bis der Krieg ausbrach und er sein Leben zurücklassen musste. Sein Ziel ist es, in Großbritannien ein friedliches Leben zu führen, da er sich dort problemlos verständigen kann.“

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>>Welser Geschichten # 2<<

Von Lisa:

„David und ich haben dieses Jahr unsere eigene Webdesign Agentur gegründet, deshalb haben wir sehr wenig Zeit für jegliche Aktivitäten, die nicht mit Arbeit zu tun haben. Ist zurzeit einfach unser Lebensmittelpunkt. Da wir aber in dieser Situation auch unbedingt was tun wollen, haben wir lange gegrübelt, wie wir das mit unserem derzeitigen Leben am besten vereinbaren können. Dann kam uns die Idee – wir könnten einem Flüchtling, der sich für Web-Programmierung interessiert, ein Praktikum anbieten. Dieser Gedanke kam in etwa zeitgleich mit dem Email einer Flüchtlingsbetreuerin, die ein „Platzerl“ für einen IT-interessierten Flüchtling aus dem Irak gesucht hat. Wir haben uns so gefreut – weil der Zeitpunkt einfach perfekt war. Das war Ende August. Anfang September ist Ahmed mit seiner Betreuerin zu uns gekommen, um uns kennenzulernen. Wir waren uns einig und haben ihm das Volontariat (einzige legale Möglichkeit für uns) angeboten. Seit 1. Oktober ist Ahmed nun offiziell bei uns und wird bis Jahresende bei uns lernen, wie man Webseiten programmiert. Die anfänglichen Berührungsängste mit unserem Bürohund Einstein sind auch schon verflogen – da hat sich eine neue Freundschaft gebildet 🙂

Wir helfen aktiv zwar nur einem einzigen Menschen, aber wir haben das Gefühl, es macht ihn unheimlich glücklich, denn Ahmed bedankt sich jeden Abend vor dem nach Hause gehen für die Chance. Und wir freuen uns jeden Abend, dass wir ein bisschen zur Integration beitragen können.“

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>>Welser Geschichten # 1<<

Das Foto dieses neugeborenen Babys wurde vorige Woche in der Notunterkunft in der Welser Messehalle aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt war das kleine Mädchen fünf Tage alt. Geboren auf der Flucht aus Syrien. Zur Welt gekommen in Mazedonien. Ihre Mutter musste sich sofort nach der Geburt wieder auf den Weg machen. Hier angekommen waren die Eltern unendlich dankbar.
Wir wünschen ihnen vor allem eine friedliche Zukunft!

Im Arm gehalten wird das kleine Mädchen von Sandra Schmidt (Rotes Kreuz Wels).

Vielen Dank für das Foto Helena Tupá.

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Wels hilft … in Budapest und Röszke

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Foto: Edd Carlile, Budapest seen

Ich bin zwar rein physisch wieder hier in Oberösterreich – aber mein Herz und meine Gedanken sind noch immer an der serbischen Grenze. Röszke am 14.9.2015, ganz kurz vor der Schließung des Zaunes (2 oder 3 Stunden nachdem wir gefahren waren, wurde die letzte Lücke geschlossen). Es ist schwer, Worte dafür finden … es war herzzerreißend.

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So viele schwer bewaffnete Soldaten, so viele Polizisten mit scharfen Schäferhunden, die die Felder kontrollierten. Ein alter Mann, der von seinem Enkel die ganze Flucht über im Rollstuhl geschoben wurde. Die Familie aus Damaskus die 3 Tage ununterbrochen unterwegs war und nicht einmal mehr zum Schlafen Pause machte, um es noch rechtzeitig zu schaffen … die Kinder beide kleiner als meine Tochter. Sie haben es geschafft, aber Tausende andere nicht mehr. So viele Kinder, die trotz der Anstrengung, die hinter ihnen lag, nach kurzer Erholung sofort wieder zum Spielen aufgelegt waren. Das bezaubernde kleine, zierliche Mädchen, das mich immer wieder umarmt und auf die Wange geküsst hat. Ihre Mutter, die mein Gesicht in beide Hände genommen und mir gedankt hat (wofür eigentlich – ich hatte mehr den Impuls, mich entschuldigen zu müssen, wie „feindlich“ das vermeintlich sichere Europa ist). Ich wollte sie am liebsten „einpacken“ und mitnehmen, alle.

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Mein Herz und meine Gedanken sind noch dort, bei jedem einzelnen von ihnen – und noch viel mehr bei all denen, die es nicht geschafft haben und die noch immer auf dem Weg in eine friedliche und sichere Zukunft für sich und ihre Kinder sind.

Ein ganz, ganz herzliches und warmes DANKE für all die Spenden, die für die Budapestfahrt abgegeben wurden! Durch eure Hilfe konnten wir ein ganzes Auto voller Medikamente, Schlafsäcke, Isomatten und anderer benötigter Dinge mitnehmen & waren dank eurer großzügigen Unterstützung auch in der Lage, der Migration Aid am Budapester Bahnhof unglaubliche 1.800 (!!!) Euro für den Kauf von Zugtickets  zu übergeben, um möglichst vielen Menschen die Ausreise aus Ungarn zu ermöglichen.

Danke auch für die berührenden Begegnungen im Vorfeld der Fahrt. Da war eine Kindergärtnerin des Welser Waldorf-Kindergartens, die nicht nur Sachspenden und ein kleines „Schatzkästchen“ mit liebevollst ausgesuchten kleinen Spielsachen gebracht hat, sondern uns auch mit einer wirklich großen Summe unterstützt hat und dafür den Kauf eines neuen Sofas aufschiebt. Eine Welser Apotheke, die uns ganz selbstverständlich und von sich aus mit einer so wunderbaren, großen Spende an Verbandsmaterial und Desinfektionsmitteln bedacht hat. Ein Ärzteehepaar aus Thalheim, das uns auf eigene Kosten ein riesengroßes, unheimlich gut sortiertes und ganz, ganz wohlüberlegtes Paket an Medikamenten und Wundversorgungsmaterial hat zukommen lassen. Menschen, die in den letzten Tagen mehrfach (!) gekommen sind um Sachspenden und Geld zu bringen, darunter auch eine Frau, die zweimal extra von Linz nach Wels gefahren ist. Die beiden etwa 8 und 9 Jahre alten Jungs, die uns ihre Spielzeugautosammlung für die Flüchtlingskinder übergeben haben. Diese Menschen stehen hier stellvertretend für euch ALLE; jede einzelne Begegnung in den letzten Tagen war wunderschön, jeder von euch hat so viel zu dieser Fahrt beigetragen und wir können euch einfach nicht genug dafür danken!

Bericht und Fotos von Andrea Schwaiger.